Hat meine Ohnmacht ein Imageproblem?

Hat meine Ohnmacht ein Imageproblem?

Ein Ereignis im Naturparkwald liegt inzwischen Wochen zurück.

Das Gefühl, das es in mir ausgelöst hat, kennt den Begriff der Zeit aber nicht.

Dialog mit der Ohnmacht | Feldforschung im eigenen Innenleben

„Guten Morgen!“, sage ich heute zu meiner Ohnmacht.
„Wie geht es dir?“

Die Ohnmacht schweigt.

Vor mir sitzt sie als kleine Figur aus einer Wurzel und einem Zapfen. Ein Manderl, das ich neben dem Kamin platziert habe. Warum ausgerechnet die Ohnmacht plötzlich diese Gestalt angenommen hat? Weil ich in einem Workshop dazu angeleitet wurde, mir einen Gegenstand zu suchen, der für mich meine Ohnmacht repräsentiert.

Ich merke: Es löst etwas in mir aus.

Einen Tornado.

Gefühle, die ich lieber verdrängen würde.

Ich gehe näher heran.

„Guten Morgen!“, sage ich noch einmal. „Wie geht es dir heute?“

Wieder Schweigen.

Ist die Ohnmacht vielleicht selbst ohnmächtig geworden?

Oder liegt ihre wahre Macht genau darin, nicht zu antworten?

Ich gehe noch einen Schritt näher.

In mir wird es ruhiger.

Vielleicht bin ich jetzt im Auge des Tornados angekommen.

Mein Verstand geht spazieren.

Bei genauerem Hinsehen fallen mir unzählige Situationen ein, in denen die Ohnmacht in mir die Führung übernommen hat. Situationen, in denen mir die Worte fehlten. Situationen, in denen etwas in mir wusste, dass gerade etwas Wesentliches geschieht – und ich trotzdem nicht in der Lage war, es klar auszudrücken.

Warum?

„Hallo Ohnmacht.

Wer bist du eigentlich?

Und warum hast du so viel Macht über mich?“

Hat die Ohnmacht vielleicht ein Imageproblem?

In der Gruppe äußert jemand den Gedanken, dass Ohnmacht auch als „ohne Macht“ verstanden werden könne.

Ohne Macht worüber?

Über das Leben?

Über andere Menschen?

Über das, was geschieht?

Über mich?

Das finde ich nämlich nicht so schön, wenn ich mich selbst nicht unter Kontrolle habe …

Während ich dieser Frage nachspüre, wird gescherzt.

Ich merke, wie sich etwas in mir zusammenzieht.

Vielleicht, weil Humor zwar entlastet, aber Ohnmacht für mich trotzdem schwer auszuhalten ist.

Wer mächtig ist, gilt als handlungsfähig.

Wer Einfluss hat, wird bewundert.

Wer sein Leben im Griff hat, erscheint erfolgreich.

Und Ohnmacht steht selten auf der Wunschliste persönlicher Entwicklungsziele.

Dabei gehört sie zum Mensch.Sein wie Freude, Hoffnung oder Mut.

Es fällt mir schon wieder auf.

Nicht nur die Ohnmacht schweigt.

Ich schweige ebenfalls.

Ich würde der Gruppe gerne sagen, was gerade in mir passiert. Warum ich die Ohnmacht gerade nicht feiern kann, wie es die anderen tun.

Aber ich finde keine Worte.

War ich sprachlos?

Oder war meine Sprache vielleicht einfach noch nicht geboren?

Jetzt frage ich mich, ob Ohnmacht vielleicht weniger mit fehlender Macht (ohne Macht) zu tun hat, sondern mehr mit einer unterbrochenen Beziehung.

Mit der Beziehung zu mir selbst.

Zu meinen Gefühlen.

Zu meinen Werten.

Zu dem, was gerade wahrgenommen werden möchte.

Wenn ich mich ohnmächtig fühle, verliere ich oft den Kontakt.

Zu mir.

Vielleicht auch zum Gegenüber.

Und ehrlichgesagt fühlt sich das nicht gut an.

Ich mag es nicht, wenn ich die Kontrolle über mich verliere.

Wenn Emotionen die Führung übernehmen.

Wenn ich spüre, dass etwas Wesentliches geschieht und ich trotzdem nicht in der Lage bin, meine Wahrheit auszudrücken.

Aber meine Emotionen machen mich auf etwas aufmerksam.

Denn meine Gefühle wollen verstanden werden.

Meine Werte wollen gelebt werden.

Ohnmacht trennt mich nicht nur von meiner Handlungsfähigkeit.

Sie trennt mich manchmal auch von Beziehung.

Dort beginnt meine Suche.

Nach einer Weile wird mir bewusst, dass es mir gelungen ist, meine Wahrheit zu kommunizieren. Weil ich mich Präsent gefühlt habe. Weil ich meine Werte vermitteln und Verständnis aufbringen konnte.

Nicht unbedingt für die Handlung, oder Entscheidung.

Aber gegenüber dem Menschen dahinter.

Und plötzlich wird mir noch etwas bewusst:

Ohnmacht trennt mich von Beziehung.

Das Wahrnehmen meiner Ohnmacht führt mich wieder zu ihr zurück.

Ich muss meine Ohnmacht vielleicht nicht überwinden.

Vielleicht beginnt dort etwas Neues, wo ich ihr zuhöre.
Nicht dem was sie sagt, sondern dem, was sie fühlt.

Wo ich sie also wahrnehme.

Wo ich sie frage, wer sie ist und woher sie kommt.

Ich feiere meine Ohnmacht nicht, sondern ich feiere die Aufmerksamkeit.

Denn sie bringt mich zurück.

Zu meinen Werten.

Zu meinen Beziehungen.

Zu meiner Wahrheit.

Und zu mir selbst.

Die Ohnmacht war nicht das Ende meiner Handlungsfähigkeit.

Sie war der Beginn meiner Aufmerksamkeit.

Ich war der Meinung Ohnmacht sei ein Zeichen dafür, dass mir etwas fehlt. Eigentlich weist sie mich aber auf etwas hin.

Auf etwas, das mir wichtig ist.

Auf einen Wert.

Auf eine Beziehung.

Auf eine Sicht auf das Leben.

Ich glaube, wir Menschen verhalten uns manchmal so, als hätten wir Macht über die Natur.

Dabei sind wir Teil von ihr.

Vielleicht entsteht ein Teil meiner Ohnmacht genau dort, wo diese beiden Vorstellungen aufeinanderprallen.

Wo etwas Wesentliches berührt wird und meine bisherigen Worte nicht mehr ausreichen.

Mir fällt auf, die Ohnmacht antwortet jedenfalls nicht auf meine Fragen …

… noch nicht?

Das Manderl aus Wurzel und Zapfen schweigt.

Ich werde ihr weiterhin Fragen stellen.

Irgendwann … antwortet sie vielleicht?

Oder stellt sie mir bald ihre eigenen Fragen?


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